04/24 Kommen – Rennen – Heim gehen

IMG_4057Ich bezeichne mich als Läufer, was mache ich also (für einen Sport)? Im Sinne der Bipedie bewege ich mich auf zwei Beinen fort. In unserer heutigen Gesellschaft kann ich allein darauf schon stolz sein, weil es scheint, dass immer mehr Menschen sich nicht mehr habituell (gewohnheitsmäßig) sondern vielmehr fakultativ (gelegentlich) auf ihren zwei Beinen fortbewegen. Doch zurück zur eigentlichen Frage: wenn ich mich als Läufer bezeichne, was meine ich damit? Den Jogger, der sich dauerlaufend entspannt? Den Bahnläufer bzw. Leichtathleten, der möglichst schnell rennen will? Gar den Marathonläufer, der durch seine heroische Ausdauerleistung von den Massen gefeiert wird? Etwa Triathlet, dem das Laufen alleine nicht genug ist? Oder den modernen Abenteurer, dem kein Hindernis zu groß, kein Schlammloch zu tief und keine Startgebühr zu hoch ist?

Grundsätzlich, so denke ich, ist man dann ein Läufer, wenn man den „Laufsport“ betreibt. Der Begriff umfasst also viele Disziplinen, vom Sprint bis zum Ultralauf, immer unter der Anpassung auf die Distanz. Nun gibt es dabei eine Entwicklung, die mir nicht gefällt: immer weiter weg von der Leistung, immer weiter hin zum Abenteuer und damit zur Selbstdarstellung. Heute reicht es nicht mehr, eine Stadionrunde in einer genialen Zeit zu laufen; Hindernisse müssen her, mit möglichst viel Show drum herum. Denn die ist das Wichtigste, die Show, das Erlebnis. Hauptsache keine Langeweile.

Eine Entwicklung, die aus der allgemeinen Haltung unserer Gesellschaft resultiert. Möglichst wenig Anstrengung, dafür möglichst viel Anerkennung. Viel Essen, aber dünn bleiben. Schnell fertig werden, wer braucht schon Tiefgang?, und sich dann wieder den schönen Seiten des Lebens widmen. Und dabei wird alles so schnell langweilig. Es resultiert: möglichst wenig Training, dafür nach den Wettkampfleistungen möglichst viele Rückenklopfer. Und immer anders: einmal Fitnessstudio, einmal Schwimmen, einmal Laufen, einmal Bergsteigen. Ohne Sinn und Verstand. Und trotzdem will man sich feiern lassen. Ergo muss man dort starten, wo sonst niemand ist. Die Disziplinen werden also gemischt und immer extremer. Wer es überstanden hat ist ein Held. Du hast es geschafft, über fünf Autos zu klettern und dich 10 m zu hangeln? Das muss gefeiert werden! – Einmal mehr bewahrheitet sich die Aussage Heiner Geißlers: „Die Berühmtheit so mancher Zeitgenossen begründet sich in der Blödheit ihrer Bewunderer.“

Dabei geht immens viel verloren. Bahnrennen sind so spannend – wenn man die Taktiken zu lesen versteht. Der ganz normale Wald ist so schön – wenn man Augen und Ohren offen hält und sich auskennt. Die Natur bietet von alleine die größten Herausforderungen – Steigungen! Pfade! Unwegsame Untergründe! Nur werden die gar nicht mehr wahrgenommen.

Können wir bitte, sowohl als Lauf-Gemeinschaft als auch als Gesellschaft allgemein kurz innehalten und darüber nachdenken, auf was es uns ankommt? Zur Natur zurückkehren. Das Training wieder in den Mittelpunkt stellen, langfristig und vor allem vernünftig Planen, mit kurz-, mittel- und langfristigen Trainingszielen auf allen Ebenen: Ausdauer, Tempo, Beweglichkeit, Kraft, Nahrung. So verstehe ich unseren Sport! Ein langfristiger Formaufbau für Erfolg und vor allem Gesundheit. Dazu erst einmal die kleinen Sachen richtig machen, bevor wir den nächsten Schritt angehen. Erst einmal laufen können, bevor das ambitionierte Radfahren und Schwimmen dazukommt. Erst einmal die flachen Runden koordinativ meistern, bevor Hindernisse hinzukommen. Eine Grundausdauer und Kraft aufbauen, bevor man sich an den Marathon wagt und dann auch an den Tagen danach normal gehen können. Keine Selbstzerstörung, sondern ganz im Sinne von „laufen hilft!“.

Und wenn wir als Zielgruppe zu diesen Grundsätzen zurückgefunden haben, werden auch spätestens dann die Veranstalter nachkommen. Was bringt Menschen dazu, viel Geld für einen 10 km Lauf auszugeben, um sich dann mit Farbe bewerfen zu lassen oder durch viel zu laute Musik das Miteinander nicht mehr genießen zu können? Bei einem Lauf über 10 Kilometer, der 10 € oder mehr kostet, sollte man gar nicht erst an den Start gehen!

Die ideale Veranstaltung sieht meiner Meinung nach sowieso sehr unkompliziert aus: Kommen – Rennen – Heim gehen. Wer den Zuschauern dazu etwas bieten will, engagiert einen fachkundigen Kommentator, der sich nicht nur in der Szene auskennt, sondern das Rennen auch erklärt. Erst die Taktik macht aus dem stupiden Laufen ein Rennen. An der Siegerehrung kann gespart werden, denn dazu haben viele keine Zeit, und wer will schon in einer kalten Turnhalle auf einen lieblosen Pokal warten? Urkunden können online heruntergeladen werden, von den dortigen Einsparungen kann dann durch geringere Startgebühren an alle etwas zurückgegeben werden. Lohnen hingegen würde sich der monetäre Einsatz an Journalisten, denn nur durch eine gute Berichterstattung werden Veranstaltungen überhaupt erst bekannt, dazu bekommen die Schnellsten eine breitere Anerkennung als durch Pokale, und generell würde unser Sport auch für Sponsoren wieder interessanter. Und wenn gut geschrieben wird dann vielleicht auch für den härtesten Kritiker der schnöde Waldlauf wieder zum richtigen Abenteuer – der er ist, Tag für Tag!

  1. Stellenweise etwas pathetisch, aber: Du sprichst mir aus der Seele!

    Vor allem den kommerziellen Laufveranstaltern fehlt das Verständnis für den Sport. Hier in Österreich wuchern die Business Runs, alleine in Graz und Umgebung gibt es Fünf. Das Startgeld ist unglaublich (um die 25 € pro Teilnehmer), die Streckenlänge ist als Bruchteil des Marathons (also Viertel-, Achtel- oder Zehntelmarathon) niemals vergleichbar, die tatsächlich Streckenlänge ist dann immer Gegenstand wilder Spekulationen. Dazu gibt es immer ein „Startsackerl“ voller unbrauchbarer Dinge (man könnte auch Müllsack dazu sagen), größtenteils unansehnliche „Finisher-Shirts“ (der Achtelmarathon ist doch tatsächlich knapp über 5 km), Verpflegungstationen schon bei den kürzesten Läufen und das „Highlight“: Die Finisher-Nudelparty mit DJ Hans. Auf die überflüssigen Pokale, den einfältigsten Preisen überhaupt, möchte ich jetzt gar nicht mehr eingehen.

    Axel

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