Tagträume eines Läufers

KipchogeEs hätte keinen schöneren Tag geben können, um Marathon zu laufen: Sonnenschein, Windstille, nur kühle 8°C. Perfekt!
Und das ist noch nicht das Beste, denn ich fühle mich so richtig gut. Seit Monaten trainiere ich auf den heutigen Tag hin, da ist es nur fair, dass alles so klappt, wie ich es mir erhofft habe. Voller Vorfreude stehe ich am Start, dicht gedrängt mit den anderen, und warte geduldig den Startschuss ab, bis es dann endlich losgehen kann.

10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1…

Peng!

Und ab dafür! Nach den ersten schnellen Schritten das Sortieren, sich in der Gruppe zurecht finden, dann sofort zurückschalten und alle Systeme auf das Nötigste beschränken. Nur einen Fuß vor den anderen setzen, geschmeidig, rhythmisch. Nach dem eigenen Gefühl laufen, nur alle 5 km etwas trinken. Erst bei km 30 aufwachen. Erst dann geht es richtig los!

So fliegen wir dahin, auf schnellen Sohlen durch die große Stadt. Doch – was ist das? Etwas stimmt nicht. Schon von Beginn an spüre ich meine Fußsohlen. Durch das ganze Adrenalin habe ich es erst gar nicht wahrgenommen, aber jetzt, wo sich alles sortiert hat… das hatte ich noch nie! Aber erstmal weiterlaufen.

Was stimmt bloß nicht mit diesen Schuhen? Die sind doch neu, an der Dämpfung kann es nicht liegen. Was haben sie denn seit dem Frühjahr verändert, in London war doch alles tip top!? Und gestern habe ich mich noch gefreut, dass mein Name auf der Sohle steht, auch wenn es außer mir niemand sieht – Moment! Die Sohlen? Die Sohlen! Jetzt werden sie also doch gesehen.

Was mache ich denn jetzt? Auf keinen Fall bleibe ich stehen. Ansonsten ist die Gruppe weg. Einfach so lassen? Mit den Schmerzen komme ich klar, auch wenn es natürlich nicht optimal ist. Aber bei jedem Schritt spüre ich die Berührung an der anderen Wade. Kann ich sie im Laufen rausziehen? Ich glaube kaum. Vielleicht rutschen sie ja noch weiter raus und fliegen dann einfach davon?

So abwesend kann man laufen: jetzt sind wir schon bei der Hälfte durch, und ich weiß nicht einmal, wie schnell wir unterwegs waren. Es wird schon ganz schön geschnauft um mich herum. Mir geht es noch gut, wenn man die Fußsohlen außen vor lässt. Zwei Tempomacher haben wir noch, dann werden wir schon sehen.

Jetzt ist er raus, der letzte Tempomacher! Mal sehen, was die anderen noch drauf haben! Einmal das Tempo anziehen, und… ha! Ich kann nicht anders, ich muss lächeln: ich bin allein! Ich bin der Beste, ich werde gewinnen! Ich will auch noch die Bestzeit und renne jetzt, so schnell ich kann. Wen interessieren schon Einlegesohlen?

Da ist es, das Brandenburger Tor! Auch ich wünsche mich jetzt ins Ziel. Ein neuer Weltrekord wird es nicht mehr, aber zu einer neuen Bestleistung könnte es reichen. Sub 2h04, das wäre doch was!
Ich genieße den Zieleinlauf, ich habe in Berlin gewonnen. Mit neuer Bestzeit! Und ich habe bestätigt, auf welch kontinuierlich hohem Niveau ich Marathon laufen kann. Und im nächsten Jahr, mit richtigen Schuhen, da wird es auch was mit dem Weltrekord!

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