Frankfurt Marathon 2017 Flugphase

Lange Flugphase beim Frankfurt Marathon

Nach mehr als 12 Kilometern ist das Gewusel der Innenstadt geschafft. Das Feld hat sich entzerrt, die ständigen Richtungswechsel sind überstanden, wir haben uns als Gruppe gefunden. Es rollt, die Beine sind gut. Nach dem Anstieg zu Kilometer 10 geht es jetzt stetig runter, nach einem verhaltenen Abschnitt auf den zweiten fünf Kilometern haben wir jetzt so richtig Tempo aufgenommen. Möglichst ohne Kraftanstrengung soll es jetzt so lange wie möglich von alleine laufen. Dann aber überrascht eine Flugphase, die ich in dieser Länge lieber nie erlebt hätte.

Etwa bei km 12,5 gibt es eine der Wasserstellen, die zwischen den Verpflegungsstellen alle fünf Kilometer eher für Kühlung als zum Trinken gedacht sind. Weil ich mir bei km 10 neben meiner Eigenverpflegung auch einen Becher Wasser für den Kopf genommen hatte, will ich hier aber einfach nur geradeaus weiterlaufen. Ich bleibe also einfach in der linken Spur, Schritt für Schritt hinter Laura und Dominik her.

Mein Hintermann scheint es sich aber kurzfristig anders zu überlegen und zieht von schräg links hinter mir nach rechts zur Wasserstelle. Knapp, sehr knapp, zu knapp. Er trifft meinen linken Fuß so, dass dieser sich hinter der rechten Wade verhakt.

Gehfehler nannten wir das in der Schule früher.

Zwei lange Ausfallschritte – aber bei etwa 17 km/h habe ich keine Chance: Flugphase, dann der harte Aufprall. Haut auf rauem Asphalt. Erst die Handballen, dann irgendwie über den linken Arm voll auf die Schulter, das Kinn und die Schläfe. Klonk!

Alles passiert auf einmal. Während mich der Schwung über den Rücken rollen lässt, schreien Zuschauer und Helfer auf, zwei andere Läufer springen rechts und links über mich hinweg. Irgendwie bin ich dann schon wieder auf den Beinen und laufe wieder. Nichts tut weh, aber der Aufprall meiner Schläfe auf die Straße hat sich mir eingeprägt. Die linke Gesichtshälfte fühlt sich auch nass an, aber als ich taste, habe ich nur Schweiß an den Fingern, kein Blut. Bis zur Mainbrücke bin ich schon wieder an der Gruppe dran und das Rennen nimmt seinen Lauf.

 

Mein 6. Frankfurt Marathon.

Der Sport, und insbesondere der Marathon, erzählt viele Geschichten. Von Freud und Leid, Höhen und Tiefen, Glück und Pech. Wo Schatten ist, da ist auch Licht.

Und obwohl ich weiß, dass beide Seiten der Medaille zu unserem Sport dazugehören, wurde mein 6. Frankfurt Marathon zu einer Geschichte, die ich nie erzählen wollte – der Marathon hat mich schon oft geschlagen, aber noch nie so körperlich wie heute. Der Sturz war der frühe Anfang vom Ende.

 

Perfekt vorbereitet.

Dabei war ich vorher so optimistisch. Wer mein Training mitverfolgt hatte, bestätigte dies. Ich war in Topform und dennoch respektvoll genug, den Marathon defensiv anzugehen. Wie toll wäre es, hintenraus endlich einmal zulegen zu können?

Und es begann so perfekt. Keine Krankheit oder Verletzung im Vorfeld, Disziplin in der Ernährung in den Tagen vor dem Rennen, dazu viel Schlaf. Voller Zuversicht wachte ich am Rennmorgen auf. Und obwohl der Weg zur S-Bahn, die uns nach Frankfurt bringen würde, wegen heftigster Regenfälle zum Abenteuer wurde, hörte es bald zu regnen auf. Auch mit den Windböen würden wir zurechtkommen – vielleicht würden sie uns sogar aus Höchst zurück in die Innenstadt blasen?

Vom Start weg orientierte ich mich an Dominik Fabianowski, der kürzlich beim Köln Marathon 2h19 gelaufen war und unser angestrebtes Tempo von 1h17 für die erste Hälfte dementsprechend locker laufen konnte. Er war als offizieller Tempomacher Laura Hottenrott zugeteilt.

Das klappte perfekt. Obwohl es sich sehr langsam anfühlte, waren wir gut auf Kurs. Gute Beine, ein lockerer Schritt und von Beginn an die richtige Gruppe – perfekter hätte es nicht sein können. Trotz aller Konzentration konnte ich die ersten Kilometer so richtig genießen, und bei km 2 bekamen Svenja und meine Eltern einen Daumen nach oben, der selbstbewusster nicht hätte sein können.

Auch die Verpflegung klappte wie geplant. Zwar hatte der Wind die meisten meiner Flaschen an den verschiedenen Stationen umgeweht, dennoch konnte ich sie gut entdecken und greifen. Ganz lieb war eine Helferin, die meine Flasche gerade wieder aufstellte, als ich kam.

Bei der Steigung zu km 10 machte ich bewusst etwas langsamer, war im Bergabstück aber fluchs wieder an der Gruppe dran. Hier rollte es jetzt so richtig – leicht bergab und Rückenwind. Natürlich, der Weg war noch weit, aber ich hätte optimistischer nicht sein können: heute ist mein Tag!

Und dann kam sie, die Flugphase.

Aus dem vollen Schwung, im hohen Bogen. Unglücklich und ungewollt. Aus dem energiesparenden, lockeren Einklang mit mir selbst sind mit einem Schlag alle Systeme auf Angriff oder Flucht gestellt. Adrenalin pur.

 

Glück im Unglück.

Genau das war es, das frühe Ende der großen Hoffnung auf einen tollen Marathon. Zwar spürte ich zunächst nur meinen rechten Daumen, der am Nagel fies eingerissen war und konnte scheinbar mühelos wieder zur Gruppe aufschließen, der Fluchtinstinkt aber, der mit der Gefahrensituation einherging, raubte sämtliche Energie, die eigentlich für später gedacht war.

Nach und nach ebbte das ganze Adrenalin dann wieder ab, mehr und mehr spürte ich Schulter und Hüfte (hatte die überhaupt Bodenkontakt?): die Heber wurden immer fester. Zunächst musste ich eine Gruppe ziehen lassen, bei der Schleife in Höchst dann die nächste. Einmal mehr begann ein langer Leidensweg, je deutlicher sich das Energiedefizit manifestierte.

Schon vor Kilometer 30 muss mein Bewegungsablauf unrund gewesen sein. Bekannte wunderten sich zwar – von der rechten Straßenseite aus konnte man aber keine Anzeichen erkennen. Auch meine Familie, die wieder einmal extra nach Frankfurt gekommen war, war bei km 31 noch optimistisch.

Hintenraus ging dann aber gar nichts mehr. Ein Krampf bei km 41 im linken hinteren Oberschenkel war glücklicherweise das letzte „Highlight“ meines insgesamt 14. Marathons. Aufgeben aber ist für mich wieder nicht in Frage gekommen. Nach 2h48’48 war dann endlich das Ziel erreicht.

Außerdem hatte ich Glück im Unglück: zwar war ich zu Boden gegangen, aber heile geblieben. Keine Gehirnerschütterung, kein Schlüsselbeinbruch oder sonstige Schrecken, die einem sofort in den Sinn kommen. Nur Schürfwunden, die unter der Dusche im Ziel noch nicht einmal brannten. So kann ich zwar noch etwas der entgangenen Chance hinterhertrauern, aber bald schon wieder an neue Ziele denken.

 

Oder das Thema einfach ganz abhaken?

Klar, in der tiefsten Krise (ab km 35) fragt man sich, warum man sich das überhaupt antut. Marathon zu laufen, mit allem, was dazugehört. Den Einheiten im Dunklen, im Regen, wenn es weh tut – nur um am Ende wieder geschlagen zu werden. Ohne, dass man selbst etwas hätte anders machen können.

Im Nachhinein konnte ich bisher immer mit mir selbst hadern, weil ich Fehler gemacht hatte. Oft genug bin ich einfach zu schnell angelaufen. In diesem Jahr aber nicht. Sehr diszipliniert habe ich begonnen, hatte keine zu hohen Erwartungen – und bin dennoch gescheitert. Einfach nur, weil ich Pech hatte.

Natürlich könnte ich jetzt den Kopf in den Sand stecken. Vielleicht soll es nicht sein und der Marathon ist einfach nicht meins. Zum einen weigere ich mich aber, das zu akzeptieren – ich habe schon Rennen gezeigt, die das eindeutige Gegenteil andeuten -, zum anderen wäre ein solches kein schönes Ende für das Abenteuer Marathon. Es muss doch irgendwo ausgleichende Gerechtigkeit geben.

Ich komme wieder!

 

Der Überblick
Datum: So, 29. Oktober 2017
Ort: Frankfurt am Main, Deutschland
Wettkampf: 36. Frankfurt Marathon
Distanz: 42,195 km
Zeit: 2:48:48 h
Platz: 408.
Crew: Svenja, Roland & Regina, Lars, Sabrina, Levke & Mieke, Brigitte & Klaus, Martin, … danke an alle!
Schuhe: adidas adizero adios Boost 3
Ernährung: verdünntes Gel alle 5 km, Cola am Ende
Fotos: Martin, Papa, Svenja

 

8 Kommentare

  1. Meine Fre… Güte! Was muss das für ein Drama sein, wenn man auf dem Weg zur persönlichen Bestzeit ist und dann so ein Unglück passiert?! Aus eigener Erfahrung weiß ich zwar, wie sich so ein Sturz anfühlt, aber bei einem Wettkampf ist mir das noch nicht passiert. Du hast mein tiefes Mitgefühl – und meinen größten Respekt. Und das gilt dem letzten Satz. “ich komme wieder” So ist es recht!!

  2. Das tut mir wirklich leid Markus. Perfekt vorbereitet wäre die PB ganz sicher möglich gewesen. Und dann das. Aber du schreibst es ja selbst : auch so ein Mist gehört zu unserem Sport dazu, auch wenn es dich im ungünstigsten Moment getroffen hat! Du haderst nicht, sondern schaust nach vorne, das ist gut so und das letzte Wort ist mit deiner Zeit noch lange nicht gesprochen! Keep on running!

  3. Tja Markus, schade… Manchmal ist das (Läufer-)Leben ungerecht, so auch bei Dir vorgestern…
    Ich habe die Inhalte Deines Blog in den letzten Monaten sehr genau verfolgt: Eine echt perfekte / gelungene Vorbereitung, mehr geht nicht: Akribische Trainingsplanung umgesetzt, zur Zuversicht Anlass gebende Ergebnisse bei den Vorbereitungswettkämpfen, immer gesund, keine Verletzungen und und und…

    Es war vorgestern dennoch offenbar nicht “Dein Tag”: zuviel Wind und dann so ein holpriges Rennen.
    Dabei hattest Du bei dem Sturz auch noch “Glück im Unglück”. Dennoch das “Trauma” bleibt… erst einmal…

    Was hilft? Klar “laufen hilft”… Aber nicht immer… Du hast es richtig entschieden…
    Es hilft: Abstand zu Deinem bisherigen Vorgehen in der Zeit nach dem Marathon, will sagen:
    Erst einmal nicht den sonst für Dich üblichen Wettkampfmodus beizubehalten und damit auch einfach
    einmal die 50km in Rodgau ungelaufen passieren zu lassen sowie darüberhinaus noch keine weitere Wettkampfplanung…

    Meine Empfehlung für Deine noch lange nicht auf dem Höhepunkt befindliche (Marathon-)Läuferkarriere:
    Einen Frühjahrsmarathon Deiner Wahl in 2018 auf einer schnellen Strecke und dann? Wieder innehalten, reflektieren und entscheiden, wie es weitergehen / -laufen soll…

    Fakt ist m.E.: Ja Markus, Marathon ist unverändert “Dein Ding” und Du bist definitiv unter Würdigung aller Aspekte (körperlich: Athletik, Körperstatik, Laufstil etc. und metal-psychisch: Kämpferherz, diszipliniert, lebensfroh, aktiv…) bei optimalen Bedingungen in der Lage, in Zeiten von 2:35 h vorzurennen.

    Also: Geniesse die jetzige Regenerationszeit. Dann bist Du in 2018 bald wieder “ready to rumble” und
    es heißt dann wieder: Run boy Run !

    Wir sehen uns auf irgendeinem Volkslauf im Umkreis von Ffm.

    1. Danke Dir Uwe!
      Ich werde es wahrscheinlich genau so machen – den 50er werde ich nicht laufen. Mal sehen, welche Läufe mich über den Winter motivieren, das wird sich in der Saisonpause zeigen.
      Und genau: wir sehen uns! Bis dahin viele Grüße
      Markus

Kommentar verfassen