Winterstein

Kein Winterstein, aber eine Zeitreise

Es gibt so manche Veranstaltung, bei der ich noch nicht war, die aber noch auf meiner Wunschliste steht. Das können ganz große Ziele sein, wie der Boston- oder der Berlin-Marathon, wie die 100 km von Biel oder der Syltlauf. Dazu gehören aber auch kleine Veranstaltungen, von denen man immer wieder erzählt bekommt, und die man bei Gelegenheit gerne einmal mitnehmen möchte. Eine davon ist der Lauf Rund um den Winterstein in Friedberg.

In der Langzeitplanung hatte ich den Lauf für 2018 gar nicht mehr notiert. Dann aber, als mich – aufgrund der sehr kalten Wettervorhersage sehr verständlich – niemand bei meinem langen Lauf am Samstag begleiten wollte, kam mir der Winterstein wieder in den Sinn. Bei diesen 30 Kilometern wäre alles mit dabei: welliges Terrain, flottes Tempo, Verpflegungsstellen und mit Ein- und Auslaufen auch genügend Umfang für ein marathonspezifisches Training. So wurde der Samstag mit dem Sonntag getauscht und ich freute mich auf den Ausflug.

 

Doch kein Winterstein

Dann aber kam die Nacht von Samstag auf Sonntag und mit ihr der Schnee. Viel Schnee! Da war es zum einen fraglich, ob der Lauf überhaupt stattfinden würde (er würde, allerdings nicht alle Strecken und der 30er mit Wendepunkt), zum anderen, ob das Wetter eine sichere Anfahrt erlauben würde. Obwohl ich mich auf den Lauf gefreut und auch keine Lust auf die Streckensuche daheim hatte, entschied ich mich gegen die Fahrt nach Friedberg. 45 km Anfahrt nur zum Spaß sind aus meiner Sicht bei diesen Bedingungen nicht vertretbar! Auch 2018 also kein Winterstein für mich.

Dadurch stellte sich aber dann die Frage, was ich stattdessen lauftechnisch unternehmen würde: einfach mal nichts? Alternativtraining? Oder Kraftausdauer im Schnee? Hätte es doch nur nicht geschneit, dann liefe ich gerade glücklich durch Nordhessen. Aber lamentieren hilft ja nichts, eine Entscheidung musste her!

 

Eine Zeitreise beim langen Lauf

Schließlich rang ich mich doch zu einem langen Lauf durch. Zum einen, weil der letzte Lange durch den Halbmarathon am Sonntag schon zwei Wochen her war, zum anderen, um eine gute Trainingswoche auch würdig abzuschließen. Der Ruhetag war erst für morgen geplant.

So lief ich schließlich mit dem Ziel Kreisquerverbindung los. An dieser grenzt nämlich ein Radweg an, der normalerweise auch bei Schnee geräumt wird. Normalerweise hieß aber leider nicht heute: auch hier lagen durchgängig fünf bis zehn Zentimeter Schnee. Dieser erneute Wintereinbruch kam wohl nicht nur für mich ziemlich überraschend. Das hatte ich meinen müden Beinen eigentlich ersparen wollen.

Nach den ersten 3,5 km war also eine Entscheidung gefragt. Den Weg verkürzen und stundenlang durch den Schnee tappen oder auf dem mehr oder weniger geräumten Wegstück immer hin und her? Für einen Marathon braucht es ab und an auch Monotonietraining, also hin und her!

Doch ich hatte Glück: per Zufall bog ich nach rechts ins Industriegebiet ab und fand so eine etwa 3 km lange Runde, die sich gut laufen ließ. Besser zehn Runden als 15 Mal hin und her. Und was sich absolut ätzend anhört war gar nicht so langweilig, wie gedacht. Ab und an konnte ich über Autofahrer schmunzeln und hatte immer wieder Hindernisse in Form von Schneebergen zu überwinden.

Und dann war da noch dieses Spaziergängerpaar, das mich mit auf meine Zeitreise nahm.

In der dritten meiner vielen Runden nämlich kamen mir zwei Fußgänger entgegen. Links in einem dunklen Mantel und mit schwarzer Wollmütze, rechts im hellen Mantel mit Kunstfell im Nacken und dickem Schal. Mann und Frau, um die 40 Jahre.

In der vierten Runde dann kamen mir etwas früher – klar, die beiden spazieren ja auch – wieder zwei Fußgänger entgegen. Links in einem dunklen Mantel und mit schwarzer Wollmütze, rechts im hellen Mantel mit Kunstfell im Nacken und dickem Schal. Mann und Frau, diesmal aber um die 50 Jahre.

In der fünten Runde wurde es dann merkwürdig: wieder zwei Fußgänger, wieder in dunklem Mantel und schwarzer Mütze, wieder in hellem Mantel mit Kunstfell und dickem Schal. Wieder Mann und Frau, diesmal aber um die 60 Jahre.

Bin ich wirklich so schnell unterwegs? Laut Einsteins Relativitätstheorie hängt es ja von der Geschwindigkeit ab, wie schnell die Zeit vergeht. Und für beschleunigte Körper vergeht die Zeit bekanntlich langsamer.

Andererseits wäre selbst der Unterschied, wenn ich mich mit halber Lichtgeschwindigkeit bewegte, nur ungefähr 13 Prozent. Ich habe wohl doch keine Zeitreise gemacht. Weiterhin sprach gegen die Theorie, dass, als ich in der siebten Runde wieder zwei Spaziergängern begegnete – wieder in dunklem Mantel und schwarzer Mütze, wieder in hellem Mantel und dickem Schal – es dann auf einmal zwei Männer waren.

So blieben die Gedankenspiele theoretische Physik. Aber immerhin hatte ich meinen Spaß auf sonst eher langweiligen 34 km durchs Industriegebiet.

 

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