Polar V800 im Test

“Die größte Wertschätzung einer Leistung ist eine gut durchdachte Kritik” – denn nur durch Lob, Fragen und Verbesserungsvorschläge können sich Dinge weiterentwickeln. Unter diesem Motto möchte ich heute die Polar V800 unter die Lupe nehmen. Reichlich spät, könnte man meinen, ist die V800 doch schon länger auf dem Markt. Doch die heutige V800 ist eine andere, als sie es zu Beginn war: ständige Softwareupdates verbessern die Uhr immer weiter. Außerdem das Neueste: seit Mitte Dezember funktioniert auch für Polar endlich der Direktupload zu Strava!

20151222_112745Der erste Eindruck
Sonderlich hübsch finde ich sie nicht, außerdem ist die Uhr schwerer, als sie aussieht. Doch der Bildschirm verfügt über eine hohe Auflösung und zeigt die Informationen sehr gut sichtbar an. Beim ersten Lauf braucht sie 30 Sekunden, um Satelliten zu finden. Später deutlich weniger. Der Puls ist sofort verfügbar. Dann kann es losgehen.
Wie von Polar nicht anders erwartet, ist die Standardeinstellung sehr am Puls orientiert. Was etwas irritiert: obwohl natürlich ein Fitnesstracker eingebaut ist, wird die Schrittfrequenz beim Laufen nicht ausgewertet. Nach dem Lauf erklärt mir die Uhr den Nutzen meiner Einheit, was nett ist. Außerdem gibt sie an, wie hoch mein Anteil der Fettverbrennung war – wie kriegt sie das denn hin? Schließlich gibt sie noch an, wie lange ich mich erholen muss: morgen darf ich schon wieder! Sehr gut finde ich den Tap-Screen.

Der Test

Pulskurve eines Beispiellaufs: fehlerhafte Messung zu Beginn. Bildquelle: strava.com
Pulskurve eines Beispiellaufs: fehlerhafte Messung zu Beginn. Bildquelle: strava.com

Es war kein allzu langer Test, dennoch bin ich insgesamt ca. 285 km mit der Uhr gelaufen. Natürlich kann die Uhr mehr, ich jedoch nicht. Getestet habe ich die Uhr rein aus Läufersicht.
Fangen wir dort an, was mich am meisten irritierte: von der Pulsmessung hätte ich deutlich mehr erwartet! Denn diese war durchgängig erst nach den ersten zwei Kilometern jedes Laufs genau. Davor wurden stets Spitzenwerte aufgezeichnet, die so nicht sein können, insbesondere, weil ich stets recht gemütlich loslaufe. Auch eincremen und frühzeitiges Anlegen brachten keine Besserung. Nach den ersten beiden Kilometern jedoch: sehr genau. Komisch.
Weiterhin fand ich es mit der Zeit anmaßend, dass am Ende jedes Laufs der prozentuale Anteil der Fettverbrennung angezeigt wurde. Grundsätzlich ist die Idee interessant, ich bezweifle aber, dass dies ohne weitere Informationen auch nur annähernd genau berechnet werden kann. Es macht doch einen riesigen Unterschied, ob ich direkt vor dem Training beispielsweise einen Müsliriegel gegessen und Saft getrunken habe oder ob ich direkt nüchtern los bin.

91! Bald laufe ich Weltrekord!
91! Bald laufe ich Weltrekord!

Und gleich der nächste Kritikpunkt: durch die Werte, die die Uhr im sogenannten orthostatischen Test ermittelte, war mein „Running Index“ viel zu hoch! Mein Rekord waren unglaubliche 93 Punkte! Schon 88 entsprechen einer Marathonzeit von 2h05! Erst durch manuelles Einstellen des Ruhepulses nahmen die Werte realistischere Werte an.

Aber genug der Lästerei! Insgesamt gefällt mir die Uhr gut. Wirklich! Insbesondere, weil die Messung der jeweiligen Streckenlänge sehr genau ist! Auch die Höhenmessung funktioniert dank atmosphärischem Luftdrucksensor einwandfrei. Sehr toll finde ich außerdem, dass Auto-Lap und manuelle Runden unabhängig voneinander funktionieren. Damit war die V800 die erste Uhr, bei der ich die automatische Kilometerzwischenzeitsanzeige nicht abstellte. Das sollten alle Hersteller einführen!
Geradezu genial ist zum Auslösen der manuellen Zwischenzeiten der Tap-Screen: durch Antippen des Displays wird eine Runde ausgelöst. Insbesondere beim Intervalltraining macht es das Stoppen deutlich einfacher. Außerdem: in der ersten Generation der Tap-Screens (bei Timex oder der Nike+ GPS Uhr) vertrugen diese keine Feuchtigkeit und gingen nach der Benutzung im Regen kaputt. Mit der V800 kann man sogar Schwimmen. Ein großer Pluspunkt!
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Weiterhin regt die Uhr dadurch, dass sie jeder Einheit einen Trainingsnutzen zuordnet, zum Nachdenken an: was wollte ich heute eigentlich erreichen? Sehr, sehr gut, obwohl natürlich nicht alle Feinheiten der Trainingslehre von der Uhr wiedergegeben werden. Auch das Abschätzen der Erholungsdauer ist nützlich und bezieht die Daten des Activity Trackers mit ein. Was dort allerdings noch nachgebessert werden sollte: andere Aktivitäten müssen zuverlässiger bewertet werden. Unser wöchentliches, hochintensives Hallen-Intervalltraining wurde, trotz Pulsmessung, gnadenlos unterschätzt und erforderte quasi keine Erholzeit.

Einige Dinge sollten außerdem nachgebessert werden: zum einen das Erfassen des Schrittrhythmus beim Laufen, was Dank des sowieso funktionierenden Activity Trackers keine große Sache sein sollte. Zum anderen aber die Menüführung! Hier könnte sich eine dicke Scheibe bei beispielsweise Garmin abgeschnitten werden! Für viele Einstellungen muss der Rechner bedient werden, beispielsweise welche Daten beim Lauf auf dem Display angezeigt werden oder um ein Intervallprogramm auf die Uhr zu laden. Auch mit der App war das nicht möglich, womit wir gleich zum nächsten Punkt kämen: zwar ist eine Synchronisation mit dem Smartphone möglich, allerdings dauert diese einerseits sehr lange (mehrere Minuten!), außerdem muss sie manuell gestartet werden. Das sollte deutlich schneller und automatisch funktionieren.

Noch drei weitere Punkte möchte ich erwähnen: 1.) Mit der Ergonomie bin ich nicht 100%ig zufrieden, mich drückte die Uhr oftmals außen am Handgelenk.
2.) Der Akku ist sehr gut und hält auch bei dauerhafter Nutzung fast eine Woche durch. Hier fehlt die Möglichkeit, die Uhr komplett auszuschalten sowie eine Anzeige. Wenn die Meldung kommt, dass die Uhr Strom braucht, kann der Dauerlauf allerdings ohne Hektik zu Ende gebracht werden. Bei mir hatte sie 40 Laufminuten nach der Meldung immer noch 9%.
3.) Sehr interessant finde ich die sogenannte RR-Funktion, mit der lediglich der Puls über längere Zeit aufgezeichnet werden kann, beispielsweise über Nacht. So kann der absolute Ruhepuls ermittelt werden.

Zusammenfassung:
Positiv finde ich
– die sehr genaue Messgenauigkeit der Streckenlänge,
– die Trennung der Splits: die automatischen und die manuellen Runden sind getrennt,
– den Tap-Screen,
– die RR-Funktion und
– den Akku, allerdings ohne Anzeige. Wenn geladen werden soll, kann der Lauf gemütlich zu Ende gebracht werden

Negativ finde ich
– das „Gewicht“ der Uhr, außerdem drückt sie außen auf das Handgelenk,
– das Fehlen einer Menüführung; an der Uhr selbst kann nur sehr wenig eingestellt werden,
– die sehr lange Synchronisierung und
– die enttäuschende Herzfrequenzmessung auf den ersten 2 km.

Fazit
Ein sehr genau messender Laufcomputer, von dem ich wegen des Preises allerdings noch mehr erwartet hätte! Insgesamt dennoch ein Anwärter um den Thron der derzeit besten Laufuhr, insbesondere deshalb, weil durch Softwareupdates ständig nachgebessert wird.

7 Kommentare

  1. Man darf nie vergessen, dass die bzw. der V800 ohne Brustgurt für 259 Euro gehandelt wird. Garmin und Suunto wollen gleich mehrere hunderte Euros mehr. Da ich die Uhr jeden Tag im Büro trage wären mir größere Uhren auch nicht mehr recht. So gesehen ist die V800 konkurrenzlos in Punkto Funktionsumfang und Preis

  2. Eine Sache vorweg: laut Polar ist DER V800 ein Junge. – Ja, darüber hab ich mich auch schon gewundert… 😉

    Ich bin bei der Suche nach einem Nachfolger für den Garmin Forerunner 305 zu Polar gewechselt und trage seit 18 Monaten den V800 am Arm. Insgesamt stimme ich Deinem Fazit zu: insgesamt ganz okay – aber für diesen Preis kann man mehr erwarten!

    Mich frustriert, dass der V800 trotz Zusage vor über einem Jahr immer noch nicht in der Lage ist, geplante Routen zu importieren, so dass man diese ablaufen kann. Hätte Polar damals gesagt, die Funktion wird es nie geben, hätte ich den V800 niemals gekauft.

    Hätte, hätte, Fahrradkette. 🙂

    Jetzt liebäugle ich mit dem fenix3 HR, mit dem ich dann auch endlich wieder „blind runnings“ durchziehen könnte. Mal sehen…

    1. Immer dieses pro und contra… ich suche jetzt auch schon länger, teste hier und teste da – meine eigene Laufuhr ist noch aus 2012. Aber so richtig entscheiden kann ich mich nicht. Wie bei dir: mal sehen!

  3. Hallo,
    guter Bericht der auf einige wichtige Details eingeht.
    Die Schrittfrequenz wurde tatsächlich heute via Software Update nachgereicht.
    http://updates.polar.com/2016/01/polar-v800-m400-software-updates-with-running-cadence-and-other-goodies/

    Bei der Pulsmessung hab ich so gut wie nie Probleme, komisch.

    Das auf der Uhr direkt nicht die Anzeigen geändert werden können finde ich auch sehr schade.

    Einfachs Intervall Training geht am besten mit dem Intervall Timer (unter Timer direkt auf der Uhr) das kann man sogar wärend eines Trainings starten/beenden.

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