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Ein Sprint daheim – Orientierungslauf in Heusenstamm

Stellt euch vor, ihr lauft ganz alleine durch wunderschöne skandinavische Wälder ohne einen Weg zu benutzen. Stellt euch vor, ihr rennt mit hohem Tempo entlang venezianischer Kanäle. Vielleicht springt ihr unter den Tiroler Gipfeln über einen klaren Bergbach und landet auf weichem Gras. Wer hat schon mal einen Sprint durch den großen Basar von Istanbul gewagt?

Wer weiß eigentlich, dass es eine Sportart gibt, die all das Wirklichkeit werden lässt?

So beginnt Axels Gastbeitrag „ein Blick über den Tellerrand“ hier auf laufenhilft.de über den Orientierungslauf. Ein Beitrag, so gut geschrieben, dass man am liebsten gleich losliefe, durch die weite, unbekannte Welt.

Da ist er ja, der Posten!

Ganz so einfach ist das natürlich nicht. Das Kartenlesen ist ein Faktor, der gern deutlich unterschätzt wird. Ich kenne das noch aus der Schule, als ich bei „Jugend trainiert für Olympia“ gerne mal einen Weg mit einem Pfad verwechselt, einen Graben aus den Augen verloren oder schlicht die Himmelsrichtung falsch eingeschätzt hatte. Dann steht man im Wald und weiß plötzlich gar nichts mehr.

Gerade wenn ein solcher Fehler im Wettkampf passiert, ist die Hektik groß und der Puls schnell jenseits von Gut und Böse. Und dennoch: der kindlichen Freude, wenn man einen Posten findet, wohnt ein Zauber inne. Ein Zauber, der mich seit der Schulzeit nie ganz losgelassen hat.

Wo das Ziel ist, weiß man vorher

Deshalb war ich gleich Feuer und Flamme, als ich davon hörte, dass in Heusenstamm die diesjährigen hessischen Meisterschaften im Sprint-Orientierungslauf stattfinden sollten. Orientierungslauf in urbanem Gelände hörte sich zunächst einfacher an als in freier Wildbahn. Außerdem war der Zeitpunkt in der Saison ideal geeignet, um mal wieder über den Tellerrand zu schauen: nach Berlin und Paris steht der April eher im Zeichen von Alternativtraining.

Und wie es der Zufall wollte, war Axel in seinem Osterurlaub in der alten Heimat. Auch er war natürlich am Start, wenn man schon einmal die Möglichkeit bekommt, in der Heimatstadt einen Wettkampf laufen zu dürfen. So bekam ich noch einige Tipps mit auf den Weg. Wirklich gut vorbereitet fühlte ich mich dennoch nicht. Ich bin eher der akribische Planer, was bei einem solchen Wettkampf von vornherein ausgeschlossen ist.

 

Der Ablauf des Wettkampfs
Der sogenannte Sprint umfasst im Orientierungslauf – sofern ich das richtig verstanden habe, heute zumindest war es so – je Teilnehmer zwei eher kurze Läufe, deren Zeit aufaddiert wird. Eher kurz bedeutet, dass die Schnellsten etwa 12-15 Minuten unterwegs sind, um alle Posten abzulaufen. Bei den richtig Guten sieht das dann in etwa so aus (im Link die Karte und die GPS-Daten eines Wettkampfs in Bergen im Mai 2016). Wer auf „play“ drückt, sieht die Punkte der verschiedenen Läufer nach und nach die Posten ablaufen.

Der schnelle, aber im Orientieren unerfahrene Straßenläufer sollte sich seiner Stärke besinnen und den Umweg über einen befestigten Weg in Kauf nehmen.

Zurück nach Heusenstamm: Aufgeteilt ist das Starterfeld in verschiedene Altersklassen, ich startete entsprechend in der Männerklasse 19-35 Jahre, in der im ersten Lauf 22 und im zweiten Lauf 23 Posten anzulaufen waren. Die direkte (Luftlinien-)Strecke betrug 3,1 und 3,2 km, ich war gespannt, wie weit ich tatsächlich laufen würde. Durch die GPS-Uhr würde sich das schließlich im Anschluss gut abschätzen lassen. Gestartet wird alle zwei Minuten im Intervallmodus. Falls man jemanden einholt, kann man sich allerdings auch nicht daran orientieren, weil zeitgleich die anderen Altersklassen mit anderen Routen unterwegs sind. Ich startete um 10:29 und 13:17.

Die Karte des ersten Laufs

Im Vorfeld weiß man wenig. Man weiß, wo es losgeht – am Start findet man sich einige Minuten früher ein, um, ähnlich wie beim Biathlon, im Startkanal nach vorne zu rücken und mit dem Startsignal die Karte umzudrehen -, man weiß, wo das Ziel ist und in unserem Fall bekamen wir auch schon die Postenbeschreibung: eine Liste mit den Postennummern und Symbolen, wo die Posten zu finden sind. Dort ist beispielsweise definiert, dass sich der jeweilige Posten auf einer Kuppe, am nördlichen Baum oder an der Innenseite einer Mauer befindet. Wenn man die Zeichen denn versteht. Auf der Karte ist die Postenbeschreibung auch abgedruckt, beim ersten Lauf in der oberen linken Ecke.

 

Der erste Lauf
Mehr oder weniger unvorbereitet begab ich mich also gegen viertel nach zehn in Richtung Start. Besser gesagt den Ausgangspunkt, denn zum Start – dem Dreieck auf der Karte – musste erst gelaufen werden. Etwa 150 m nach rechts, wie jeder Starter gesagt bekam. Sehr gut! So stand ich nicht gleich ratlos auf der Stelle, sondern konnte mich sofort bewegen.

Das Runde muss ins Runde. Wer einen Posten vergisst, ist raus.

Schon piepsten auch schon die letzten Sekunden bis zu meinem Start, dann durfte ich die Karte aufnehmen, musste das erste Mal abstempeln und konnte mich auf den Weg machen.

Bis ich die Karte richtig herum in den Händen hatte, waren die 150 m auch schon gelaufen. Ich meinte aber zu wissen, wohin die Reise ging. Erwartet hatte ich zwar die entgegengesetzte Richtung, ich war mir aber sicher. Außerdem würde es gleich in den Wald gehen, ob ich da die Posten überhaupt finden würde?

Ich fand ihn, den ersten Posten, sogar unerwartet schnell. Zwar nicht auf dem direkten Weg, aber ich wusste immer, wo ich hinwollte. Schon hatte ich die ersten vier Posten abgearbeitet und freute mich immer, wenn die Nummer der Postenbeschreibung mit denen der Posten, die ich fand, übereinstimmten. So macht das Spaß! Der fünfte Posten versteckte sich hinter einer Betonwand, war beim zweiten Schauen aber auch erspäht, Posten sechs und sieben an einem Weiher wieder schnell gefunden, dann wurden die Laufrouten länger und ich sicherer. Ich fühlte mich schnell und war begeistert, dass ich mich bisher nicht verlaufen hatte. Zu Posten neun und zehn ging es teils quer durch den Wald, sie waren aber glücklicherweise von weitem zu sehen.

Zu Posten elf ging es zum ersten Mal auf das Campusgelände, das für Posten zwölf aber direkt wieder verlassen werden musste. Zurück in den Wald, ich stürmte über Pfade! Zu Posten 13 lief ich einen Umweg, dafür aber auf einem asphaltierten Weg, wo ich meinte, meine läuferische Stärke ausspielen zu können. Das Finale fand jetzt auf dem Campusgelände statt, kreuz und quer über viel Wiese und einige gepflasterte Gehwege. Mal in einer Gebäudeecke, mal in einem Gestrüpp, einmal hinter Müllcontainern. Ich wurde weiterhin fündig, hatte aber im Gefühl, große Umwege zu laufen. Die Konzentration ließ nach. Denken und schnell laufen zur gleichen Zeit ist schwierig!

Schließlich war aber auch der 21. Posten gefunden. Jetzt wusste ich, wo es hinging: zum Ziel. Schlussspurt! Im vollen Sprint ging es durch eine verschreckte Schwimmbadbesuchergruppe zu Posten 22 und ins Ziel. Zwei Sekunden verschenkte ich noch, weil ich außer Atem das Loch zum Stempeln nicht traf. Aber immerhin: Alle Posten gefunden!

Durch die modernen Stempel können hinterher direkt die einzelnen Zwischenzeiten verglichen werden. Unglaublich, wie schnell das bei den schnellsten gehen kann! Bei 17:48 min stand die Bestzeit für den ersten Lauf, Axel lag nur zwei Sekunden dahinter, ich hatte 21:35 min gebraucht. In einem kleinen Feld bedeutete das Rang 6. Der Schlussspurt hatte sich aber gelohnt! Meine 1’00 von Posten 21 auf 22 bedeuteten Bestzeit 🙂
Weil sich jeder noch sehr genau an seine Route erinnert, kann auch analysiert werden, wie man anders hätte laufen können. Auch unbewusst hatte ich einige Umwege in Kauf genommen, freute mich aber dennoch auf den zweiten Durchgang.

 

Der zweite Lauf
Schon beim Einlaufen merkte ich, dass der erste Durchgang seine Spuren hinterlassen hatte. Immerhin war ich auch gute 20 Minuten so schnell gelaufen, wie ich konnte. Auf den Abschnitten, bei denen ich wusste, wo ich hinwollte, natürlich volles Rohr! Vielleicht war das aber auch zu meinem Vorteil? Die anderen spürten ihre Beine sicher auch.

Die Karte des zweiten Laufs.

Mittlerweile war es auch etwas wärmer geworden, teilweise schien sogar die Sonne. Im Startkanal musste nicht mehr gefroren werden. Dann piepste wieder der Countdown, und pünktlich um 13:17 Uhr ging es ein zweites Mal auf die Reise. Diesmal mehr durch die Stadt, auf der anderen Seite der S-Bahn.

Gerade das schien aber gerade nicht meine Stärke zu sein! Für die ersten fünf Posten brauchte ich extrem lange, lief durch die falschen Gassen. Mein Hirn schien langsamer zu arbeiten als üblich. Einmal lief ich zu einem falschen Posten, einmal sogar in die falsche Richtung. Dann ließ die Schockstarre langsam nach. Immerhin hatte ich alle Posten gefunden. Die Wege wurden jetzt auch etwas länger und ich wusste wieder, wo ich hinwollte. Es ging jetzt an der Post vorbei (Posten 6), in die Unterführung (Posten 7) und an den Schlossweiher (Posten 8 und 9). Jetzt war ich wieder schnell, und nicht nur gefühlt – in den Ergebnissen war ich hier ungefähr genauso schnell unterwegs wie Axel. Schade, dass der Anfang so zäh war.

Nach Posten neun ging es um einen Kindergarten herum hinaus auf eine freie (Sumpf-)Wiese. Einmal quer durch hohes Gras zu Posten zehn, dann auf einem Pfad zu Posten elf unten am Bach, dann quer über die Wiese zurück in den Schlosshof. Hier verhedderte ich mich wieder etwas, suchte hinter Ecken, statt die Karte aufmerksam zu lesen und lief einmal auf der falschen Ebene. Der Sprint durch den Schlosspark machte aber Spaß. Einmal noch auf der falschen Mauerseite gesucht, dann ging es wieder besser.

Die Zwischenzeiten des zweiten Laufs.

Von Posten 17 auf 18 war ein langer Weg zu absolvieren. Mehr als zwei Minuten Laufzeit, ich wählte den Weg über die Schlossallee und durch die Unterführung. Es ging wieder auf den Campus, diesmal aber mit weniger Umwegen. Nach Posten 21 setzte ich schon zum Schlussspurt an, merkte glücklicherweise gerade noch im letzten Moment, dass ich Posten 22 fast vergessen hätte. Ein letzter Haken, um die Disqualifikation zu vermeiden, und ab für den zweiten Schlussspurt. Wieder hatte ich meine Probleme beim Stempeln im Ziel. Wieder aber auch sehr glücklich.

Beim zweiten Lauf war ich 20’19 unterwegs und damit etwas schneller. Der schnellste mit guten 17 Minuten aber auch. Dennoch, zwei Mal alle Posten gefunden, gefühlt schnell gelaufen und Spaß am Wettkampf gehabt. Es war ein lohnender Ausflug in eine parallele Laufwelt! Mein Dank für die Organisation an Gymnasion Offenbach. Es war sicher nicht mein letzter „OL“!

Der Überblick
Datum: So, 23. April 2017
Ort: Heusenstamm, Deutschland
Wettkampf: Orientierungslauf HM Sprint 2017
Distanz: Luftlinie 3,1 + 3,2 km
Zeit: 21:35 + 20:19 min
Platz: 4.
Crew: (Axel)
Schuhe: Nike Lunarracer
Ernährung: Zwischen den Läufen Wasser, eine Banane und ein Riegel
Fotos: Hans-Joachim Koppert und ich selbst

4 Kommentare

  1. Hi Markus,
    schöner Text, tolle Fotos, jetzt habe ich auch Lust auf einen OL.
    Denkst Du, dass Du Vorteile hattest, dass Du das Gelände rund um Heusenstamm kanntest? Konntest Du sozusagen erahnen, wo die Posten zu finden sind, auch wenn die Karte vielleicht (für Dich) als Neuling nicht so verständlich war?
    Würde mich freuen wenn Du Bescheid gibst, wenn Du wieder einen OL machst bzw. wenn Du eine Adresse hast für Veranstaltungen (vielleicht auch als Ergänzung in deinen Artikel?).
    Viele Grüße
    Thomas

    1. Hi Thomas!
      Danke, meine Teilnahme war also gute Werbung für diesen spannenden Sport 😀
      Einen Vorteil hatte ich nicht. Es gab Ecken, die kannte ich noch gar nicht – so gesehen aber noch ein Bonus vom OL: man lernt schöne Orte aus einer anderen Perspektive kennen.
      Ich bekomme eine Liste vom OLV Steinberg, wo wir Anfänger gut mitmachen können. Die schicke ich dir gerne weiter!
      Viele Grüße
      Markus

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