Wenn Tilahun erzählt – Flüchtlingsintegration im Sport

Es ist DAS Thema aktuell. Immer und überall geht es um Flüchtlinge. Ganz abgesehen von den großen Fragen des Wie und Warum ist es eminent wichtig, die Angekommenen möglichst bald zu integrieren. So lernen wir uns gegenseitig kennen, schaffen ein friedlich-freundschaftliches Miteinander und vermitteln Sprache und Kultur. Eine Geschichte über Flüchtlingsintegration im Sport.

Tilahun_Cross3Auf einmal war er da. Nicht nur in Deutschland, dem Ziel seiner Flucht, sondern eben bei uns: in der Halle, in der Gruppe, im Training. Tilahun. Am Anfang hatten wir Schwierigkeiten, seinen Namen richtig zu verstehen und auszusprechen. Mittlerweile geht es wie von selbst, er gehört dazu. Seine Hürden waren und sind höher.

Sein Dasein hat unsere Gruppe verändert. In der Halle gegenüber waren lange andere Flüchtlinge untergebracht. Das Wissen, dass einer „von denen“ zu uns gehört, lässt uns anders auf das abgesperrte Gelände blicken. Deutsch spricht er noch nicht, nach eigenen Angaben versteht er aber schon viel, obwohl er oft immer noch nicht weiß, wann die Intervalle enden. Ein deutsches Wort aber beherrscht er schon in Perfektion: „Danke!“. Er benutzt es oft: wenn wir ihm etwas zu Essen für nach dem Training mitbringen, weil es bei seiner Rückkehr in die Unterkunft nichts mehr geben wird. Oder wir uns darum kümmern, dass er abgeholt und gebracht wird; wenn wir organisieren, dass er zu Wettkämpfen kommt. Denn Laufen will er – und kann er.

Er ist traurig, wenn es über Wochen nicht klappen will, dass er bei Rennen an den Start kommt. Man sieht es ihm an. Auch wenn er nachts nicht schlafen kann, weil mit 30 Mann in einem Raum nie wirklich Ruhe einkehrt, will er sich so gerne am Wochenende auf den Laufstrecken messen. Um seinem derzeitigen Leben wenigstens ab und zu Höhepunkte zu bescheren. Laufen hilft, wenn man so will.

Zu Beginn war Tilahun in Bad Homburg untergebracht. Der dortige Leiter schuf den Kontakt zu unserem Trainer Kurt (Stenzel), der sich im Training vorbildlich um Tilahun kümmert: das Programm wird noch einmal erklärt und angepasst, (Lauf-)Kleidung und Schuhe werden organisiert. Und Fahrten zu Wettkämpfen werden abgesprochen. Mittlerweile wohnt Tilahun nicht mehr in Bad Homburg, sondern in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofes. Trotz oder gerade deswegen schafft er es weiterhin regelmäßig ins Training. Der Dienstagabend ist eine Konstante im Wochenablauf. „Kurt ist ein guter Trainer“, sagt Tilahun. Er will weiterhin ins Training kommen. Und Laufen.

Tilahun ist ein guter Läufer, ein sehr guter sogar. Auch wenn man nichts von seinen Bestzeiten weiß, sieht man es daran, wie er läuft. Der Laufstil ist geschmeidig. Und natürlich schnell. Er selbst gibt seine Bestzeiten mit 3‘37 über 1500 und 13’54 über 5000 m an. Dass er im Training aber wirklich einmal zeigt, kommt selten vor. Dann läuft er beispielsweise 3×1000 in 2‘43. Wir schauen in unseren Pausen staunend zu. Oft läuft er aber auch mit uns und hält sich zunächst sehr zurück, läuft einfach nur mit. Auf der letzten Runde übernimmt er dann manchmal die Führung und zieht uns, immer schneller werdend, mit. Auch davon profitieren wir.

Die Sprache bleibt so eine Sache. Wie erwähnt erzählte er mir einmal, dass er deutsch schon recht gut verstehe. Ein bald beginnender Deutschkurs soll insbesondere auch das Sprechen verbessern. Dennoch bleibt die Mischung aus deutsch, englisch und Zeichen die zuverlässigste Variante. Kurt kann das gut, seine Erläuterungen im Training sind teils deutsch, teils englisch, und immer unterlegt mit Handbewegungen sowie einigen „wusch“s und „pam“s – wie gesagt: „Kurt ist ein guter Trainer“. Und das nicht nur beim Laufen.
Wir anderen versuchen uns meist mit Englisch. Und vielen Wiederholungen, was mal mehr, mal weniger gut funktioniert. Dennoch bekommt man mit der Zeit so einiges mit.

Tilahuns Vater und Bruder wurden erschossen. Die Flucht sah er als einzigen Ausweg und begann alleine. Er spricht nicht gerne darüber, lieber sind ihm andere Themen. Laufen beispielsweise. Einmal erklärte er mir Taktiken bei Bahnläufen, vergangenen Samstag, bei den hessischen Crossmeisterschaften, die Gegebenheiten der Strecke, wann man Druck machen sollte.

Tilahun sieht älter aus, als er mit Jahrgang 1997 offiziell ist. Gleich in seinem ersten Wettkampf (dem Frankfurter Silvesterlauf) sorgte er ob seines Alters für Diskussionen – dabei war es in diesem Rennen gleich, wie alt er ist. Es ging nur um den Sieg. Natürlich denkt man an die Parallelen zu Homiyu Tesfaye, der zu Beginn seiner deutschen Laufkarriere der Jugend die nationalen Titel wegschnappte, oder auch Abdi Uya Hundessa, der schließlich für die Jugendklassen gesperrt wurde.
Solange er den Jugendlichen keine Meisterschaftsmedaillen „wegschnappt“ ist es egal, wie alt er ist – finde ich. Nehmen wir ihn offen in die Laufgemeinschaft auf und lassen ihn laufen. Mit Spaß, damit er bei uns ankommen kann. Flüchtlingsintegration im Sport kann besser funktionieren funktioniert besser, als alles andere!

5 Kommentare

  1. Hey Markus!

    Interessanter Artikel, gut geschrieben. Ein paar Fragen bzw. Dinge, die mich interessieren würden blieben offen. 

    Woher kommt Tilahun? 
    Kam er allein in Deutschland an oder flohen zusammen mit ihm Freunde/Verwandte?
    Wie sieht sein Alltag in FFM abseits eures Trainings aus?

    Verstehe es selbstverständlich wenn es aufgrund der noch bestehenden Sprachbarriere keine Infos dazu gibt. Ferner habe ich länger drüber nachgedacht ob ich mit meinen Fragen nicht indiskret/taktlos bin. Schließlich hast Du geschrieben, dass er z.B. nicht gern über seine Familie redet. 

    Deine Geschichte hat Erinnerungen an Hassan & Co wachgerufen. 

    Viel Spaß beim gemeinsamen Laufen

    Thomas 

    1. Hey Thomas!

      Tilahun kommt aus Äthiopien, soweit ich weiß, ist er alleine geflohen. Vielleicht erzählt er irgendwann mehr.
      Über den Alltag weiß ich nichts, nur, dass er eben ab und zu läuft, dabei aber auf sich alleine gestellt ist.

      Viele Grüße
      Markus

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