Marathon

Paris, die Stadt der (Lauf)Liebe

Der Paris-Marathon ist mit 57.000 vorangemeldeten Läuferinnen und Läufern aktuell der größte Marathon in Europa und nach New York der zweitgrößte der Welt. Und obwohl ich direkt nach dem letzten Frankfurt Marathon an meine erste Teilnahme an einem Frühjahrsmarathon gedacht habe, wurde diese Planung zunächst zugunsten des Berliner Halbmarathons verworfen. Paris kam dann im Frühjahr eher zufällig daher. Ein Erfahrungsbericht aus der Stadt der Liebe.

 

Familienbande

Nicht nur ich, sondern auch mein zwei Jahre jüngerer Bruder Oliver kommt aus der Leichtathletik. Während sich mein Schwerpunkt innerhalb der vielfältigen Disziplinen aber recht bald schon zu den Mittel- und Langstrecken verschob, blieb Oli sehr viel länger bei den schnellkräftigen Wurfdisziplinen. Generell ist er im Sprint deutlich besser als ich.

Dennoch kamen mit der Zeit längere Rennradausfahrten sowie ab und zu Dauerläufe hinzu, wenn die Zeit nicht reichte, um abends noch ins Training zu fahren. Mit dem Berufseinstieg dann ein neuer Impuls: bei dem von seiner Firma gesponserten 10-km-Lauf war Oli der schnellste der Hilscher GmbH (Hilscher entwickelt und produziert industrielle Kommunikationslösungen für die moderne Fabrikautomation).

Und wenn er doch so gut laufen kann, wie wäre es also mit einem Marathon? In enger Geschäftsbeziehung steht nämlich Schneider Electric, der Hauptsponsor des Paris-Marathons – eine glanzvolle Veranstaltung in Frankreichs Hauptstadt, die wohl genügend Anziehungskraft ausstrahlte: Oli sagte zu. Er würde ein gutes halbes Jahr später, im April 2017, sein Marathondebüt geben!

Für die Vorbereitung half ich mit einem Trainingsplan aus, der schon beim Frankfurter Halbmarathon mit einer Laufzeit von 1h32 für eine sehr gute Entwicklung sorgte. Natürlich kamen wir auch darauf, ob ich nicht auch für Hilscher laufen könne?

Es dauerte zwar etwas, aber ich konnte! Ein Freistart für den Paris-Marathon. Jetzt musste nur noch Svenja überzeugt werden, uns zu begleiten. Denn nach den sich häufenden Anschlagsmeldungen müssen sich Reisen in Großstädte wohl oder übel genau überlegt werden. Wie viel Angst ist angebracht, wie groß die Gefahr (Dazu auch mein aktuelles Pro & Kontra im LaufReport)? Lohnt sich ein Kurztrip?

Schlussendlich entschieden wir uns für die Reise. Mit einer guten Portion Gottvertrauen, den Glauben an das Gute im Menschen und der Hoffnung auf die größtmöglichen Sicherheitsvorkehrungen fuhren wir am Samstagmorgen, einen Tag vor dem Marathon, mit dem Zug nach Paris.

 

Die Vorbereitungen

Mein Training war nicht auf den Marathon ausgelegt, sondern nur auf die halbe Distanz. Mein Frühjahrshighlight, der Berliner Halbmarathon, war erst eine Woche her, was mir aber nur Recht war, weil ich mir so weniger Druck machte. Einen Marathon frei von Vorstellungen einfach mal nach Gefühl laufen, das war der Plan! Ein Vorhaben, aus dem sich hoffentlich Schlüsse für ein voll auf den Marathon ausgelegtes Training würden ziehen lassen. Denn mein Marathontraum von 2h30 lebt noch!

Die Zugfahrt am Samstagvormittag war entspannt und ohne Zwischenfälle. Gegen halb eins kamen wir dann am Gare de l‘Est in Paris an. Zuerst ging es mit dem Bus ins Hotel ganz in der Nähe der Moulin Rouge. Einchecken konnten wir noch nicht, aber zumindest unser Gepäck dort abstellen. Als nächste Station hatten wir uns den Eiffelturm ausgesucht, wo wir auch meinen Bruder, seine Freundin Liesa und zwei Kollegen von ihm, die am Sonntag auch laufen würden, treffen würden. Zum Sightseeing war das Wetter klasse – Sonne satt, sehr warm und keine Wolke am Himmel, für einen Marathon aber definitiv zu warm! Egal, noch konnten wir das Wetter genießen.

„Die Leute haben kein Brot? Sollen sie doch Riegel essen!“ – nach der französischen Königin Marie Antoinette beim Sturm der Bastille

Nachdem genug Sonne getankt war, ging es zur Messe, um die Startnummer abzuholen. Die Halle, in der auch alle relevanten Laufmarken ausstellten, war absolut riesig. Ungefähr dreifach so groß wie in Frankfurt! Als Läufer für Schneider Electric konnten wir dort noch Cola trinken, dann holten wir unsere Portionen der Nudelparty.

Schon war es auch recht spät geworden, dass wir uns auf den Rückweg machten. Noch ein Baguette gekauft und den Treffpunkt für morgen ausgemacht, dann ging jeder in sein Hotel. Svenja und ich machten noch einen kleine Abendspaziergang auf den Montmartre zur Sacré-Coeur, was sich sehr lohnte: das tollste Viertel der Stadt und ein weiter Blick über Paris.

 

Die Strecke

Wie schon letzte Woche in Berlin mutet auch die Marathonstrecke von Paris wie eine Sightseeing-Tour an. Der Eiffelturm, die Bastille, das Schloss von Vincennes, der Louvre, Notre-Dame – all das und noch viel mehr wird passiert. Auch zwei Stadtwälder werden durchlaufen. Aber der Reihe nach:

In Sichtweite des Arc de Triomphe wird auf der Avenue des Champs-Élysées Startaufstellung genommen. Von diesem wird sich zunächst aber fast geradlinig wegbewegt (Richtung Westen mit leicht südlichem Einschlag), zunächst zum Place de la Concorde, dann am Louvre und dem Place de la Bastille vorbei. Nach einem leichten Knick Richtung Süden geht es dann in den Park „Bois de Vincennes“, in dem eine Schleife gelaufen und das Schloss von Vincennes passiert wird. Wegen der Métro-Anbindung wird hier im Vorfeld – im Gegensatz zu dem sonst ruhigen Stadtwald – von einer Zuschauerhochburg gesprochen.

Anschließend geht es zurück zum Place de la Bastille und die Hälfte der Strecke ist bereits geschafft. Mit einer scharfen Linkskurve geht es nun an die Seine und am Flussufer Richtung Westen. Während der langgezogenen Linkskurve werden Notre-Dame, das Musée d’Orsay, der Louvre, der Grand Palais und der Eiffelturm passiert. Am Flussufer selbst ist die Strecke allerdings nicht flach, sondern wegen einiger Unterführungen und Brücken sehr wellig.

Nach knapp 32 gelaufenen Kilometern wird das Flussufer wieder verlassen, es geht in den zweiten großen Stadtwald, den Bois de Boulogne. Hier gibt es mehrere Richtungswechsel, bevor schließlich die Fondation Louis Voitton und Kilometer 40 erreicht wird. Noch eine Rechts- und zwei Linkskurven, dann wird der Park endlich verlassen und mit Blick auf den Triumphbogen das Ziel erreicht. Eine tolle Strecke oder eher nicht? Mein Urteil würde vermutlich vom Rennverlauf beeinflusst.

 

Der Sonntagmorgen

Schon am frühen Sonntagmorgen, um 6 Uhr, war keine Wolke am Himmel. Es würde der angekündigte warme Tag werden. Ich hoffte, dass sich die Kühle der Nacht möglichst lange halten würde.

Frühstück hatte ich mir mitgebracht. Recht zügig ging es mit der Métro zum Triumphbogen, was eine gute Entscheidung war, denn Paris ist sicher kein Marathon der kurzen Wege. Erst geht es zwanzig Minuten in die eine Richtung, um seinen Kleiderbeutel abzugeben, dann zwanzig Minuten zurück zum Start. Den zweiten Weg nutzte ich zum Aufwärmen.

Ein Blick zurück zum Arc de Triomphe lohnte hier: eine riesige Menschenmasse, und das, obwohl die hinteren Blöcke noch leer waren, vor dem sonnenbeschienen, berühmten Bauwerk. Das Feld mit den 57.000 gemeldeten Teilnehmern war gar so riesig, dass Sebastian, Olis einer Kollege, erst loslaufen würde, als ich schon die Hälfte der Strecke passiert hatte. Dabei wollte er unter vier Stunden laufen, was hieß, dass sehr viele noch viel später starten würden. Allen Teilnehmern mit den Augen folgen kann beim Paris-Marathon wohl nur Mona Lisa!

Als ich meinen Startblock einmal erreicht hatte, ging es eigentlich recht entspannt zu. Wir hatten genug Platz. Und trotz der vielen Leute konnte ich noch ein paar Sätze mit Matthias aus Basel wechseln, den ich bisher nur virtuell kannte.

Vielleicht war es diese Entspanntheit und mein fehlendes festes Zeitziel, aufgeregt war ich nämlich nicht. Vielleicht fehlte so die Spannung? Egal, gleich würde es gemeinsam mit der Elite losgehen.

 

Et c’est parti!

 

Das Rennen

Der Schuss, einige Sekunden danach geht es auch für mich los! Wir stürmen Paris! Pünktlich um 8:20 Uhr wurde gestartet. Auf der breiten Kopfsteinpflasterstraße ging es leicht bergab, und obwohl man für meinen wie auch den 3h-Block eigentlich Qualifikationsleistungen vorweisen muss, waren einige dabei, die sehr langsam losliefen. Das Zickzacklaufen ging aber nicht allzu lang, bald hatte sich das Feld entzerrt.

In einer Gruppe lief ich nie so richtig, weil ich mich komplett auf mein Gefühl verließ. Dennoch waren bald einige mehr oder weniger um mich herum, die mich sehr lange immer mal wieder begleiten würden. Besonders klasse war dabei die Internationalität – ein Stück liefen wir beispielsweise zu fünft: eine Irin, ein Schwede, ein Franzose, ein Spanier und ich als Deutscher.

Schon beim ersten Verpflegungsstand nach km 5 griff ich zu. Ein paar kleine Schlucke Wasser, der Rest der 0,33-l-Plastikflasche über Beine, Kopf und Nacken. Das tat schon jetzt, um 20 vor neun Uhr, gut. Dass auch die Letzten noch gut laufen können, waren alle Läuferinnen und Läufer angehalten, Flaschen und sonstige Abfälle in Abfalleimer entlang der Strecke zu werfen. Meine Trefferquote heute: fünf von sechs! Und der Fehlwurf war nur knapp vorbei 😉

Kurz nach der ersten Verpflegungsstelle standen dann Svenja und Liesa an der Strecke. Es rollte zwar noch nicht, aber ich war locker, freute mich, die beiden zu sehen und konnte winken. Kurz darauf, ab etwa km 7, bekamen wir dann aufgezeigt, dass der Paris-Marathon keine einfache Strecke ist, auch wenn das aus dem Höhenprofil nicht hervorgeht: eine ordentliche Steigung bergan.

Im ersten Stadtwald dann war wirklich sehr wenig los, auch am „Stimmungspunkt“ beim Schloss waren nicht allzu viele Menschen. Insgesamt gab es zwar Streckenweise sehr viele Zuschauer, ebenso aber auch einige Abschnitte, die komplett verlassen wirkten. Das machte mir aber weniger aus, als die drei Stellen, an denen wir so laut beschallt wurden, dass ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte.

Zurück in der Stadt hätte ich gerne etwas Energie nachgeladen, weil ich aus vielerlei Erfahrung ja mittlerweile weiß, was noch folgen wird bzw. kann. Beim Verpflegungsstand nach km 20 konnte ich neben dem obligatorischen Wasser sogar einen Riegel abgreifen, der war aber noch verpackt. Und es half einfach nichts: die Finger zu glitschig, die Zähne kamen gegen die Verpackung nicht an. Ich bekam den Riegel einfach nicht auf! Tja, noch rollte es ja. Nach zwei weiteren Versuchen landete das Ding ungeöffnet am Straßenrand.

Die Hälfte war nach 1h19’10 erreicht und ich noch recht locker. Es lief flüssig. Würde eine gute Halbmarathonform für eine sub2h40 reichen? Die Antwort kam leider früher als erwartet.

Zunächst sah ich Svenja und Liesa an ihrem zweiten Standpunkt, dann ging es hinunter an die Seine. Schon nach 23 km merkte ich dann zum ersten Mal die Adduktoren und vor allem den hinteren, linken Oberschenkel. Hatte ich zu viel Wasser getrunken bzw. zu wenig Salz aufgenommen? Ich hatte aber schon Durst und musste trinken, so viel ich konnte. Immerhin konnte ich für die Energie einige Rosinen ergattern.

Bis km 30 lief es trotz der Probleme noch recht gut. Mit etwas über 1h53 hatte ich trotz einiger heftiger Steigungen und Gefälle durch Unterführungen entlang der Seine nicht viel Zeit verloren. Ich war bezüglich eines guten Marathons noch optimistisch, was sich aber alsbald änderte.

Denn zu den Verhärtungen im hinteren Oberschenkel kamen bald Bauchbeschwerden hinzu, der Durst wurde heftiger und eine „irre“ Steigung in den zweiten Stadtwald des Tages saugte mächtig Energie aus den Beinen. Das Tempo wurde deutlich langsamer und die letzten 10 km wieder einmal sehr, sehr lang.

Für etwas Ablenkung von meinem Selbstmitleid sorgte Sébastien, ein Franzose etwa in meinem Alter, der schon 2h34 gelaufen ist, heute aber große Adduktorenprobleme hatte. Er nahm mich ein Stück mit und erzählte beispielsweise, dass er aus Lille komme. Insbesondere machte mir unser Wochenendausflug auch deshalb sehr viel Spaß, weil ich seit langem mal wieder richtig französisch sprechen konnte – wobei mein deutsch-schweizerisch-französisch-Akzent wohl deutlich ausgeprägt ist, weil so mancher Gesprächspartner ins Englische wechselte, während ich konsequent im Französischen blieb.

Natürlich waren wir auch nicht die einzigen, die litten. Viele hatten sich am Streckenrand schon ihre Nummer von der Brust gerissen, viele weitere gingen genauso ein wie wir. In gewissen Situationen zählt eben buchstäblich jeder Schritt. Und irgendwann, ganz langsam, kommt dann das Ziel in Sicht.

Nie aus den Augen verloren hatte ich die 3h-Marke, die ich mit 2h55’46 noch deutlich unterbieten konnte. Das war er also, der Paris-Marathon!

 

Im Ziel

Normalerweise esse ich Orangen nicht sonderlich gerne, gerade jetzt hätte es aber nichts Besseres geben können. Besonders auch, weil ich einfach genug Wasser getrunken hatte. Nach einigen Vierteln dieser leckersten aller Orangen bewegte ich mich langsam Richtung Ausgang und bekam auf dem Weg noch ein T-Shirt, einen Regenponcho, den es bei diesen Temperaturen wirklich nicht brauchte, und natürlich die wohl verdiente Medaille!

Und es war gut, dass ich mir nicht allzu viel Zeit ließ, der Livetracker funktionierte nämlich nicht richtig. Vielleicht waren die Server überlastet – wer weiß? – Svenja und Liesa aber hatten nach km 30 keinerlei Informationen mehr über mich bekommen. Dementsprechend besorgt traf ich Svenja an unserem Treffpunkt und konnte sie zumindest ein wenig erleichtern. Die Frage war nur, wann die anderen kommen würden.

Ach, wie schön kann Sitzen sein! Eine sonnige Wiese neben dem Zielbereich bot sich perfekt an, auszuruhen und den anderen die Daumen zu drücken. Oli hatte ab km 28 Krämpfe bekommen, kämpfte sich aber weiter dem Ziel entgegen. Mehr Informationen gab es lange nicht.

Schließlich stand fest: auch Oli ist seit heute Marathoni! Und mit 3h57 zwar langsamer als geplant, dennoch aber gleich auf Anhieb unter vier Stunden. Bravo! In Olis und Liesas Hotelzimmer durfte ich noch duschen – Duschen gibt es beim Paris-Marathon gar nicht! – dann ging es auch schon zurück in die Heimat. Es war zwar wieder kein optimales Rennen, aber dennoch ein sehr schöner Wochenendausflug. Merci!

 

Der Überblick
Datum: So, 09. April 2017
Ort: Paris, Frankreich
Wettkampf: 41. Marathon de Paris
Distanz: 42,2 km
Zeit: 2:55:45 h
Platz: 655.
Crew: Svenja und Liesa
Schuhe: Nike Lunarracer
Ernährung: So viel Wasser wie es gab, Rosinen, ein Gel am Ende
Fotos: Svenja
Lustiger Fakt: Trefferquote 5/6.
Angemerkt: Die Sicherheitsvorkehrungen waren sehr hoch. Viele schwer bewaffnete Soldaten und Polizisten, dazu Lastwagen, die Einfahrten blockierten und häufige Rucksackkontrollen. Und das waren nur die Maßnahmen, die uns auffielen. So sind sie, unsere heutigen Zeiten.

Strava (benannt nach dem Lied der Wise Guys)

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